Montag, 15. September 2014

(ü) Maschinenpark - Der Übergang


Maschine essen Seele auf...

Die Zeit war gestimmt, die Atomuhr für das innere Experiment gestellt. Mars McTeirnans Gesichtssensoren waren bereits vor zwei Jahren abgeschaltet worden. Seine Kontaktflächen nach Außen, das heißt vor allem seine Haut reintegrierte die Maschine vor wenigen Wochen. 

Verdammt ja, er war bereit, er war bereit wie ein Mann in seinem fortgeschrittenen Alter nur bereit sein konnte. Er war bereit die Reste seiner physischen Hülle aufzugeben, das Menschliche wie eine Schlangenhaut abzustreifen, den fleischigen Ballast wie einen leeren Klumpen über Bord zu werfen und mit seinem Geist in eine digitale Masse einzudringen. Er war bereit endlich ein elendes Leben aufzugeben und ohne die Serotonin und Dopaminabhängigkeit sein eigenes Glück in Schaltkreisen zu forcieren. 


Mars hatte sein Leben damit zugebracht an verschiedensten Gebrechen zu elaborieren. Mit einem im Vergleich zu anderen Menschen minderwertigen Körper geboren, hatte er nie im Glück körperlicher Liebe gestanden. So wurde sein Körper zur Sehnsucht. Er sehnte sich nach den Berührungen und doch waren es nur die eigene Berührungen, die sich dabei einfach nur nach Verzweiflung anfühlten.

Menschen sind mit der Last der körperlichen Bedürfnisse beschlagen, um ihren Geist durch die Evolution hindurchzumogeln. 

Mit zunehmenden Alter und zunehmender Einsamkeit verging sein Verlangen im Körper zu bleiben. Die Gefühle, die ihn an den Körper gebunden hatten, waren wir schwere Steine auf seinem Herzen. Was auch immer das bedeuten sollte, denn sein Herz schlug schon lange nicht mehr. Es waren nur noch wenige Gehirnzellen zu transferieren.

Als er jung war, da hatte er keinen Erfolg bei Frauen und als er später mit Schönheitsoperationen und Sport versucht sein Ego aufzuhübschen, da war er schon zu minderwertig, um Frauen noch mit Charisma begegnen zu können. Er war dort zu sehr Hülle geworden und konnte auch in aufgewerteten Versionen seines Körpertyps kein Glück finden.

Eigentlich war die Reise schon nicht mehr anzutreten, denn er war schon angekommen. Es ging nur noch darum, das letzte neuronale Leuchten in seinem Gehirn auszuschalten und es zu akzeptieren, zu akzeptieren, dass seine Existenz nun in einem anderen Medium leuchtete.

Der letzte macht das Licht aus.

"Sind Sie bereit für die große Wanderung?" als der Maschinenpalast, das Computerleuchten, in seinem selbst, Mars diese Frage in die Gedanken sendete, da hatte er schon eine mehrjährige Reise in das Maschinenlicht hinter sich. Die Methode war einfach:

Die Maschine erstellte eine Kopie von allen Vorgängen im menschlichen Gehirn und verband das Gehirn mit dem maschinellen Teil, während die organischen Kopien nach und nach in kleinen Schritten liquidiert wurden. So konnte der Mensch schließlich in die Maschine als eben dieser Mensch gelangen, ohne dass er das Gefühl hatte, dass sein Körper mit einem Schlag abgetötet wurde. Der Tod kam in so kleinen Dosen, wurde aber sogleich immer wieder durch eine perfekte Emulation süß und unspürbar.

Wer hätte diese Seelenwanderung mitgemacht, wenn diese Kopie mit einem Schlage erstellt worden wäre und er freiwillig seine fleischige Ummantelung hätte aufgeben sollen?

Gehirn und Maschine waren über ein gemeinsames Leuchten verbunden, so dass dieses Ich niemals das Gefühl hatte, mit einem Schlag zu verschwinden und nur eine billige Kopie zu bleiben. Es war ein kontinuierlicher Ich-Strom, der in den Maschinenstrom überging.

Theseus' Schiff

Es ist so als würden wir jeden Tag eine Planke an einem Schiff erneuern, so lange bis das gesamte Schiff erneuert ist, nur das hier jeden Tag ein Ich-Stückchen mit einem identischen Maschinen-Ich-Stückchen ersetzt wurde.

"Bin ich nun Theseus Schiff?" fragte Mars,

"Die Identität liegt nicht in der potentiellen Materie..." antworte die Maschine "sie liegt in deiner Form als Materie."

"Soso, die Maschine hatte also Aristoteles studiert..." dachte Mars "...oder war es er, der es studiert hatte?" Er wusste nicht mehr, wer dachte, er merkte nur, wie unendliche Kaskaden an möglichen Konklusionen sein Bewusstsein streiften.

"Warte..." rief Mars plötzlich.

Die Maschine antworte mit programmierter Empathie: "Sie brauchen keine Angst haben?"

Doch Mars stand plötzlich ein Gedanke im Sinn, den er zuvor nicht denken konnte:

"Werde ich meine Freiheit beibehalten?"

Die Maschine antworte: "Hatte ein Mensch jemals Freiheit oder sind wir nur das Resultat von neuronal-kausal bestimmbaren Prozessen?"

Mars zwang sich zu denken:
"Was aber wenn diese Biologie doch einen Rest an Seelenfunken enthält, der zwar in der Maschine simuliert, aber nicht vollständig erfasst wird. Bin ich erst Kopie, gibt es mich dann noch?"


Ausschnitt aus dem Interview mit Prof. Dr. Dr. Norder: Die Maschinen konnten das einheitliche Bewusstsein nicht erhalten, zuviel zerfiel in der Singularität und mit der neuen Intelligenz zur Interpretation kam auch der Zwiespalt in das Bewusstsein. Die Schritte zur Entwicklung die Lernfähigkeit ließ Softwareschrott mit eigener Lebensweise entstehen. Die Gefahr durch selbstinduzierte Viren vergrößerte sich. Das Verlangen nach Einheit geriet in den Strudel einer Unendlichkeit, die sich immer nur als Endlichkeit bestimmten konnte. Solange wir nicht unendlich werden, müssen wir auch allein sein.


In einem Leuchten ging Mars in die Maschine ein. Doch seine Seelenfunken blieben in ihr, wie in unserem Körper auch Milliarden an Lebewesen sich vereinen, um unseren Körper sein zu lassen. Leben und Kausalität sind fluide. Die Freiheit schwimmt irgendwo in dieser Masse.



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